| 22. November 2015

Der Westen

Gare du Nord – Westen

Zürich. Perfekt pünktlich treffe ich zehn Minuten vor Zugabfahrt am Zürcher HB ein. Nur schade, dass sich die Abfahrtszeit meines Billets auf den Badischen Bahnhof zu Basel bezieht.

Basel. Mit dem GA habe ich bis dort erst mal kein Problem, nur danach werde ich für mein günstiges Europa Spezial büssen müssen. Wunderbar günstig, aber leider ist es an diese eine Zugverbindung gekoppelt, die eine gute Stunde früher aus Basel abgefahren ist — was natürlich einen ganzen Rattenschwanz von verpassten Zügen vertikal durch Deutschland und Belgien zieht. Der Conducteur im ICE, also eigentlich Schaffner, meint nur: das wird teuer werden. Ich pendle zwischen Überkochen und Gleichgültigkeit. Ist halt so, was kann ich machen? Auch nach zehn Minuten hat er es nicht geschafft, das Billet über sein mobiles Gerät zu berechnen und zu buchen. Ich soll mich dann beim Kollegen im Anschlusszug in Mannheim melden, der soll sich darum kümmern. Aber der ist total im Stress, den kümmerts wenig. Ich soll halt einsteigen. Die meisten stehn im ICE (die neue S-Bahn?), aber im hintersten Wagen hats noch Sitzplätze. Danach intressierts erst recht niemand mehr.

Aachen. Und schon sitze ich im Grenzbummler nach Belgien. Katong, katong, katong. Viele scheinen diese Reise nicht anzutreten. Und lang ist sie auch nicht, nach einigen Zwischenhalten wird umgestiegen auf den Schnellzug nach Brüssel, Brussel, Bruxelles.

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Gare du Nord – Westen

Verviers. Leerstehende Industriegebäude unter Felswänden, dahinter lauschige Wälder. Städtische Reihenbacksteinhäuser säumen die Landstrasse. Die Stadt auf dem Lande. Alles wirkt irgendwie fehl am Platz. Leicht schief. Heruntergekommen, dreckig, unfertig, fragmentarisch, improvisiert, mosaisch, unreguliert, selbstbestimmt. Frei.

Französisch, Deutsch, Flämisch, Englisch. Bitte sehr, ihr Billet. Auch hier keine Komplikationen. Die Conductrice nickt nur als Antwort auf meine umständlichen Erklärungen. Sie sprechen Deutsch? Schweizerdeutsch sogar? Aus Neuchâtel? Und im Simmental aufgewachsen? Ja, und jetzt bin ich hier.

Hier fahren die Züge mit einem Ruck an. „Infrabel, right on track.“ Sie schlängeln sich durch die fast jurassischen Hügel. Mitten auf der Wiese steht eine mittelalterliche Zugbrücke aus dem 19. Jahrhundert, ein Anwesen ist weit und breit nicht zu entdecken. Wieder Felsen unter den Bäumen, doch ohne Industriehallen. In Belgien ist das Klettern am Fels nur erlaubt, wenn der Besitzer die Bewilligung erteilt. Der Besitzer des Felsens. Fels zu verkaufen. Aktion bis Ende Woche. Kalkfelsen in situ. ALLES MUSS RAUS.

Blaues Licht, gelbes Licht, blaues. Zersiedelte Landschaften. Zerstückelt, zerschnitten, verbaut, verlassen. Was ist nur das Faszinierende an der Armut, am Unterdurchschnittlichen, Ungeplanten, Verlorenen, Gebrochenen? Diese Dekadenz der Intelligentsia, die Zurückgebliebenen zu romantisieren. Zurückgeblieben?

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Gare du Nord – Osten

Liège. Auf dem Hügel thront ein nationalistisches Monument des frühen 20. Jahrhunderts. Irgendwie konnten sich die Entwerfer nicht zwischen Reform-, Nazi- und Sovietarchitektur entscheiden. Oder es war doch alles das gleiche. Und dann fahren wir in Calatravas Skelett ein. Touristen, Belgier, Immigranten, Studenten bevölkern den Zug. Doch wie jeder Calatrava: ein wunderschönes Artefakt, ein ästhetischer Aussätziger, ein leichtfüssigsonnendurchfluteter Krake. Auch er fehl am Platz. Er erst recht. Diese Landmarke der Aufwertung und der neoliberalen Konkurrenz der Städte, die jedes Stadtzentrum den anderen anzugleichen trachtet. Weiss lackierter Stahl und perfekt verarbeiteter Sichtbeton. Glas fein aufgespannt zwischen filigranen Stahlträgern. Und rundherum die schwarzgerusten Backsteinfassaden und Schornsteine, die verlassenen Fabriken und leeren Schaufenster dieser ehemaligen Industrieblüte.

Brüssel, Botanique

Brüssel, Botanique

Der Zug beschleunigt, die Geschwindigkeit glättet die Landschaft: die Hügel werden flacher, verlieren sich, öffnen sich zu Feldern, geben verstreuten Flecken Raum. Rechts neben mir kalter Zigarettenrauch. Einen guten Schnauz hat die momentan nicht rauchende Sudokuschreiberin. Hippe blaue karierte Hose unter dem beigen Mantel ebenfalls. Die junge Spanierin gegenüber, die mit den grossen braunen Augen und den blondierten Spitzen, schenkt mir ein Schmunzeln ihrer zurosaroten Lippen.

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Bruxelles, Gare du Nord. Eine Gabel: hier scheidet sich die Welt. Im Westen der tote Modernismus, im Osten das multikulturelle Chaos. Links oder rechts? Hier der weite, offene Platz; Bushaltestellen, vereinzelte Fahrgäste in spe. Die hohen Glasfassaden spiegeln den Himmel, um ihre innere Leere zu verbergen. Hier steht das WTC noch, ist momentan jedoch unvermietet. Am schlimmsten zeigt sich jedoch das leere Einkaufszentrum hinter mir, durch welches ich geschleust wurde, um den Bahnhof überhaupt verlassen zu können. Aussen Spuren von Hochglanz, innen eine pausierte Baustelle.

© Stephan Vanfleteren

Da gibts nur eins: nichts wie weg. Ich frage einige Polizisten nach dem Weg. Sehr artig geben sie Auskunft, aber ich solle auf meine Tasche aufpassen. Tatsächlich stellt sich die Ostseite des Gare du Nord als das pure Gegenteil des Westens heraus: wild, chaotisch, belebt, Menschen, hupende Autos überall, verstopfte Strassen, die Backsteinhäuser nur dreihoch. Ein Motorradfahrer fährt über das Trottoir, um die stehenden Autos zu überholen. Prostituierte bieten sich an. Man spricht Arabisch, Französisch, Portugiesisch, Swahili. Die Leute sind freundlich, weisen mir den Weg. Als ich etwas verloren an einer Strassenecke stehe, werde ich vom jungen Barbesitzer in ein Gespräch verwickelt. Ich bestelle einen Kaffee und er teilt sein souper mit mir. Merci, Cédric.

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© Stephan Vanfleteren

Brüssel, ja Belgien, macht einen etwas verlorenen Eindruck: die heruntergekommenen Zuhause, der Dreck auf der Strasse, der Russ an den Fassaden, die Ungeplantheit des modernistischen Bürohochhauses neben zweistöckigen Backsteinreihenhäusern neben dem botanischen Garten aus dem 19. Jahrhundert mit Glasdach und ionischen Säulen. In der Mitte der Rue Royale rattert das Tram, die Gerüste am Palais de Justice sind inzwischen zwanzig Jahre alt und müssten ersetzt werden, bevor das Gebäude überhaupt renoviert werden könnte. Nach den quadratischen Zürcher Zuständen ist das Gefühl der Unreguliertheit, der Unregelmässigkeit, der Ungleichförmigkeit, der Ungeplantheit geradezu befreiend.

Noch viel verlorener wirkt Belgien jedoch im Werk des Fotografen Stephan Vanfleteren. Melancholisch, verlassen, ja wehmütig zeigen sich seine farblosen Eindrücke — wie Amsterdam von Jaques Brel vielleicht — ihr raues Korn gleicht dem blechernen Kratzen einer alten Platte. Obwohl die Bilder die 1960er zu dokumentieren scheinen, stammen sie aus den 90ern. Nostalgie nach David van Reybrouck, dem belgischen Schriftsteller:

© Stephan Vanfleteren

Die Sehnsucht nach einem verlorenen Gefühl, das man selbst nie hatte.

Die Bilder zeugen jedoch auch von Vertrautheit und Wärme; liebevoll inszeniert Vanfleteren seine verlorenen Seelen. Er kennt die Portraitierten gut, hat ihr Vertrauen gewonnen. Die Fotos in seinem Buch Belgicum werden ergänzt durch David Van Reybroucks literarische Skizzen von ebenso verlorenen Lieblingsorten des Fotografen, geschrieben mit gleicher Melancholie und Wehmut, vielleicht auch Nostalgie.

Zuletzt noch zwei filmische Portraits, jeweils eines von Brüssel und Charleroi, welche dieselben Gefühle vermitteln. Und ebenso subjektiv und einseitig sind wie meine Notizen.

Bienvenue à Charleroi from Jelle Dijkstra on Vimeo.