| 11. April 2016

trampe im drei-viertel-takt

Bereits beim ersten Hochgehen fällt uns auf, dass hier etwas nicht stimmen kann. Darum wählen wir die in die Länge gezogenene Treppe von der Tramstation zum Haupteingang des Kunsthochschulgebäudes als Übungsobjekt. Wir, die Teilnehmerinnen eines Kurses zu Rhythmus in Musik, Kultur und Alltag, versuchen die Proportionen der Treppe – sehr tiefe Stufenlängen, niedrige Höhen – durch rhythmisches Gehen in den Griff zu bekommen. Uns fällt auf, dass jeder Normalgehende, wenn er nicht kleiner als ein Meter fünfzig oder über zwei Meter gross ist, von Stufe zu Stufe immer das gleiche Bein anheben muss. Rechts heben, Schritt, rechts heben, Schritt, rechts heben, Schritt, usw. Die Treppengestaltung bringt alle Ankommenden in ein einseitiges körperliches Wanken. Besonders lustig sieht das von der Seite betrachtet aus. Die Köpfe der auf- und absteigenden Personen bewegen sich in einem seltsamen Rhythmus auf und ab. Mir fällt ein Gespräch ein, das ich einmal, in naher Distanz, auf einem Dachparking geführt hatte. Ein Migros-Mitarbeiter hatte mir dort erzählt, dass die beiden eng drehenden Betonspiralen, welche den Autofahrern die Zu- und Abfahrt zum Parkdach ermöglichten, ihn genötigt hätten, bei seinem Auto einmal jährlich die Lenkgeometrie neu einstellen zu lassen, denn der enge Radius hätte auf Dauer die Lenkung immer wieder verstellt. Als ich in der Mittagspause in der Mensa der Kunstschule BallettänzerInnen beobachte, wie sie sich mit einer Art Finken durch den Raum bewegen, denke ich mir: Werden sie, wie alle anderen Kunststudierenden, die hier täglich diese Treppen-Rampe – oder kurz gesagt Trampe – hinauf und hinunter gehen, auch einmal jährlich wieder ins Lot kommen müssen? Nach vielen Gehversuchen mit unserer Rhythmus-Klasse entdecken wir schliesslich, dass es doch eine Möglichkeit gibt, diese Trampe längerfristig ohne Achsenstörung zu überstehen: mit Schwung im Drei-Viertel-Takt.