| 20. August 2015

Honoré_Daumier_Impressions_et_Compressions_de_voyage_1853_Zeichnung_Public Domain

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Die Kraft, mit der die Eisenbahn um 1800 in den Alltag der Menschen einfährt, ist gewaltig. Sich fortbewegen hiess bis anhin – für Glückspilze – Kutschenfahren: Holprig, der Energie des Zugpferdes ausgeliefert und gemächlich zogen die Reisenden in und mit den Naturkräften. In diese Einfachheit fährt die dampfbetriebene Eisenbahn wie ein kalter Pfeil hinein:

Die Dampfkraft erscheint (…) als eine Gewalt, die, unabhängig von der äusseren Natur, sich gegen diese durchsetzt. (15)

Richmond and Petersburg Railroad Bridge_1871

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Ja, die Eisenbahn tritt in einer grandiosen Eigenmächtigkeit in die Leben:

Die durch Dampfkraft hergestellte mechanische Bewegung ist gekennzeichnet durch Gleichförmigkeit, Regelmässigkeit, beliebige Dauer und Steigerung (Unermüdbarkeit). (15)

Die tierische Erschöpfung der Zugpferde, welche bis anhin die zurückgelegten Distanzen fühlbar machten, fällt nun als Gradmesser des Reisens weg. Der Raum scheint zu schrumpfen, sich im Takt der Motoren zusammenzuschnurren. Doch es dauert nicht lange, bis sich die Wahrnehmung umkehrt:

die mechanische Gleichförmigkeit wird (…) die neue Natur, der gegenüber die Natur der Zugtiere als gefährliches Chaos erscheint. (19)

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The York & North Midland Railway crosses the Leeds Northern Railway and the Crimple valley outside of Harrogate_1847_anonym_kl

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Diese glatte, explosive Kraft kann die Eisenbahn am besten unter Reibungslosigkeit erfüllen. Zug und Schiene bilden daher ein untrennbares maschinelles Ensemble, das sich auf der Suche nach der kurvenlosen Geraden linealgleich in die Landschaft frisst und Schluchten überquert.

Das maschinelle Ensemble Eisenbahn schiebt sich auch vor das Raumerleben der Reisenden. Diese sehen sich zunächst in ihrer Identität bedroht, zum „Projektil“ (52) und „Paket“ (53) entmenschlicht. Im Versuch, die Sinne an die neuen Geschwindigkeiten anzupassen, fühlen die neuen Projektilpakete Überforderung, die sich in Resignation, Überdruss und Langeweile verkehrt.

„Ich langweile mich derart in der Eisenbahn“, schreibt Flaubert 1864 an einen Freund, „dass ich nach fünf Minuten vor Stumpfsinn zu heulen beginne.“ (56)

Doch dann geschieht auch etwas Wunderbares. Die eintönige Landschaft beginnt zu tanzen, die Geschwindigkeit bildet ein Panorama, der Vordergrund verschwindet, Weite wird sichtbar. Jedenfalls für die, welche am Fenster sitzen. Und davon gibt es in der ersten Klasse mehr als in der dritten und vierten – sofern letztere überhaupt in einem überdachten Waggon zu sitzen kommen.

Honoré_Daumier_-_The_Third_Class_Carriage_-_Walters_371226_kl

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Honoré_Daumier_-_The_First_Class_Carriage_-_Walters_371225_kl

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Die Eisenbahn verändert nicht nur Landschaft und die Raumwahrnehmung, sondern auch die sozialen Interaktionen der Reisenden. Während in der dritten oder gar vierten Klasse Reisende miteinander schwatzen, kommt die Kommunikation in der ersten Klasse praktisch zum Erliegen.

„Wie oft … habe ich …, wenn ich allein fuhr oder mein Geschick mich mit Menschen zusammengebracht hatte, mit denen schlechterdings nichts anzufangen war, die Reisenden der dritten und vierten Klasse beneidet, aus deren stark besetzten Wagen fröhliches Gespräch und Lachen bis in die Langeweile meiner Isolirzelle hinein klang“, heisst es in den 1895 erschienenen „Betrachtungen eines in Deutschland reisenden Deutschen“ von P. D. Fischer. (64f.)

Breton_Railroad_Depot_at_Philadelphia_1832_kl

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Diese Kommunikationsveränderung hat auch etwas mit der Gestaltung der Waggons zu tun: Während sich die unteren Klassen in grossräumigen Güterwagen durcheinandermischen, sitzen die oberen Klassen in kleinen, kutschenähnlichen Abteilen, die untereinander nicht verbunden sind. Dabei wäre man sich gerade von der Kutsche her noch lebhafte Gespräche gewohnt:

Das vis-à-vis-Verhältnis der Reisenden, in dem einmal [in der Kutsche] ein bestehendes Bedürfnis nach Kommunikation institutionalisiert war, wird zunehmend unerträglich, weil es [in der Eisenbahn] keine Basis mehr für solche Kommunikation gibt. Die Sitzanordnung im Abteil zwingt die Reisenden in ein Verhältnis, das für sie nicht mehr lebendiges Bedürfnis sondern peinlicher Zwang ist. (71)

Dolgorukaya_benkendorf_Public Domain

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Die Eisenbahn macht aus den ehemals Tage dauernden Kutschenabenteuern eine minutiös getaktete, klaustrophobische Sozialeinöde, in der keine Gemeinschaft unter den Reisenden mehr entsteht. Die bürgerlichen Zugfahrenden entwickeln in ihrer Isolation schon bald eine neue Verlegenheitstätigkeit, die es so erst seit der Eisenbahn gibt: die Reiselektüre.

Die Reisenden im Eisenbahnabteil wissen nichts miteinander anzufangen. Die Lektüre ersetzt ihnen die Kommunikation, zu der es nicht mehr kommt. (65)

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Und hier lässt sich von diesem liebenswerten Büchlein doch eine Brücke mitten in die Gegenwart schlagen. Zwar fahren wir heute nicht mehr in bürgerlichen Eisenbahnen, aber pendeln in Viererabteilen in S-Bahnen und Cobras. Zwar lesen wir kaum mehr Reiselektüre, liebkosen aber stattdessen unsere Smartphones. Überhaupt, darum sind diese Dinger doch so genial: Sie kanalisieren unsere Augen UND unsere Ohren UND unsere Hände. Sie befreien uns von der schamhaften Nähe. Oder je nach Blickwinkel: kerkern uns auf neue Art ein, in uns selbst. In zuverlässiger Regelmässigkeit tauchen denn auch Sticker in den öffentlichen Verkehrsmitteln auf, die uns aus unserer Vereinzelung befreien möchten. Und es werden ganze Kampagnen lanciert, um die Schweigsamen (vermeintlich: wieder) zum Reden zu bringen. Obwohl dies Reisende nach der Kutsche kaum mehr getan hatten, wie uns Wolfgang Schivelbusch in seiner „Geschichte der Eisenbahnreise“ erzählt. Das räumliche Arrangement mag in Kutsche und Zugabteilen ähnlich sein: Wenige, sich fremde Menschen sitzen einander vis-à-vis gegenüber. Doch alles andere hat sich verändert. Aus Tagen werden Stunden werden Minuten des Reisens. Eine Seltenheit des Fortkommens wird zum Pendleralltag. Aus freudigem Reisen wird funktionales Fortkommen. Aus Mitreisenden werden Fremde, die du nicht wieder sehen wirst und daher ausblenden willst.

Und das ist kein Abgesang auf die Höflichkeit, das ist auch einfach Notwendigkeit.