| 30. Juli 2015

Hotel Restaurant Furkablick

furca: lat., Gabel. Fourche, Furke, Furka. Nebelschwaden, finstere Wolken, grünliche Schutthalden mit braunen Schneeflecken. HOTEL RESTAURANT FURKABLICK, ein Parkplatz, ein paar Betonwürfel mit Giebeldach. Geschlossene Läden, ein einzelnes Licht im Restaurant über den hochgestellten Stühlen. Das Radarbild im Meteo-App kündigt heftige Schauer an. Nicht der Moment, aus dem Wagen zu steigen und einen Biwakplatz zu suchen. Und das HOTEL RESTAURANT FURKABLICK ruft jetzt auch nicht gerade ‚Jungs, kommt her, nehmt ein Bier‘. Es lädt mehr dazu ein, sich über den trichterförmigen Windfang lustig zu machen. Es scheint eher November zu sein als Juni. Also Pulli überziehn, die Heizung läuft schon und der iPod auch, dazu Congo – een geschiedenis und der Jakob langweilt sich. Unsere Scheinwerfer beleuchten die gegenüberliegende Böschung.

Ein Auto fährt vorsichtig vorbei.

Das Licht im Restaurant erlischt.

Zwei Töfffahrer mit Berner Kennzeichen kehren am Parkplatz um. Spritzfahrer. Dienstagabend noch schnell eine Runde drehn auf den Furkapass hoch, so geht das. Dann kommt pünktlich der Regen. Meteoschweiz scheint da einen guten Draht zu haben. Wie angesagt ist der Schauer dann auch bald vorübergezogen. Also doch mal einen Biwakplatz suchen.

Refuge Furka

Der Strasse entlang Richtung Graubünden steht nach den Militärbaracken links das Refuge Furka. Auch hier geschlossene Läden. Antike Stalltüren auf der einen Seite, zwei nur wenig jüngere Autogaragentore auf der anderen. Ein Relikt aus den frühen Jahren des Automobils? Am Türrahmen eine Regaplaquette. Mehr bietet die ehemalige SAC-Hütte nicht für Berggänger mit Notfall. Dahinter ein Bächli – wozu es kanalisiert wurde, weiss heute niemand mehr. Der Schnee reicht noch bis ans Refuge, schwer komprimiert und dreckiggrau. Darunter von Gewölben überspannte Rinnsale. Das Gras ist noch braun und flachgepresst, doch erste Knospen drängen sich schon durch den Schlamm, in ein paar Tagen werden wohl die ersten Enziane und Narzissen blühen.

Das Biwak

Wir bauen unsere improvisierte Küche auf, ein Vordach bietet Unterkunft, eine Biologin der Uni Basel warnt uns vor der kalten Nacht (was uns nur ein müdes Lächeln entlocken kann, schliesslich sind wir harte Bergsteiger) – aber die grosse Angst der Fahrenden ist beseitigt, heute werden wir wohl nicht mehr weitergeschickt. Man hat kein Recht, irgendwo zu sein, höchstens geduldet oder ignoriert wird man, und sonst weggeschickt mit einer Wut und einer Angst, deren Ursprung man nicht so recht begreifen kann. Vielleicht weil jeder Ort irgendwem gehört, und jede_r auch einen Ort besitzen sollte. Wir hingegen sind schon randständig, weil wir nicht in einem Bettchen in einem Häuschen liegen auf unserem Weibchen, sondern unter der Milchstrasse in unseren warmen Schlafsäckchen (ausser der Jakob, dem war kalt, da hatte die Biologin wohl doch recht. Der war wohl zu dünn, also der Schlafsack, obwohl er viel teurer war als meiner, dafür halt leichter. Oder der Jakob ist einfach ein Gfröörli) und auf unseren dicken Isomatten (ausser der Jakob, der hatte seine Matte mit Loch gekauft) inmitten der älplichen Nachtruhe (ausser der Jakob, der musste vor meinem Schnarchen flüchten). Aber man ist sich campierende Kletterer wohl schon gewöhnt hier oben. Ausserdem hat die Saison ja noch nicht angefangen, es liegt noch viel zu viel Schnee im Fels.

Gross Bielenhorn und Sidelenhütte

Der nächste Morgen beginnt gemütlich und ausgeschlafen (ausser für den Jakob) mit bestem Espresso aus dem Mokka (man gönnt sich ja sonst nichts, darauf wollen wir auch als harte Bergsteiger nicht verzichten) und Aussicht auf Gruppen von grünen Männchen, die schon am Parkplatz am Seil gehen. Gemütlich heisst um 8 aufstehen, gute fünf Stunden später als für sonstige Touren. Hart bergsteigen können wir ja die nächsten Wochen noch. Auch unsere Bank aus Brettern und Backsteinen macht sich ganz gut unter dem Vordach. Ein bisschen Komfort im Biwak muss schon sein.

Im Gegensatz zur Mitarbeiterin sitzen wir dem Biologie-Prof dann wohl doch im Weg. Oder die Bankbauaktion war etwas zu viel des Guten. Er ist nicht gerade mürrisch, aber etwas ablehnend verhält er sich schon. Wegschicken tut er uns trotzdem nicht. Er weiss ja nicht, dass wir noch ein paar Nächte bleiben. Oder die Alpinflora ist ihm einfach wichtiger.

Da fährt ein grosser VW-Bus mit getönten Scheiben und schmucken Vorhängen vor. Camper? Das Biwak könnte noch ungemütlich voll werden heute. Zwei Jungs mit Sidecut steigen aus. Kräftig, braungebrannt, etwas zu früh gealterte Gesichter. Bergsteiger. Helm, Pickel, ein Wanderstock – alles klare Indizien. Der eine trägt eine Knieschiene – so ein bewegliches Cyborgbein. Aber riesige Rucksäcke. Die werden doch kaum Wandern gehen? „Strahl*&%.“ Strahlhorn? Strahlengrat? Was hat er gerade gesagt? Wir Agglos haben natürlich mal wieder keine Ahnung und sein St. Galler-Vorarlberger-Bündnerdeutsch ist dann doch etwas schwer verständlich. Welche Route? „Wir gehen strahl*&%.“ Ah cool, na dann viel Spass.

Jakob? Auch keinen Schimmer. Heute erst mal ein bisschen klettern. Also im Auto das Material zusammensuchen – der Jakob ist schon startklar.