| 6. Mai 2016

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Eine Inschrift in Stein gemeisselt, schon längst wieder vergessen, taucht in einem Blogeintrag über die Furka wieder auf. Kaum zufälligerweise beschreibt die Autorin eine ganz ähnliche Stimmung, ähnliches Wetter. Man sagt ja, die Furka habe ein raues Klima. Die Inschrift jedenfalls lautete VOYAGEZ LEGEREMENT und prangte auf einem der vielen Granitblöcke, die man auf dem Weg zur Sidelenhütte mit Füssen tritt. Das war dann doch sehr erstaunlich. Wer meisselt schon einen Satz in Stein (auf einem Wanderweg!) und dann erst noch eine solche Plattitüde?

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Na natürlich Jenny Holzer! Und es war bei weitem nicht der einzige Satz, den sie in Granit hat meisseln lassen (genau, selber war sie wohl noch nie auf dem Pass). Also ein weiteres Mal hoch zur Furka, wenn auch ohne Kletterziel und ohne Jakob. Mit dem Töff geht es zerscht zur Grimsel hoch. Am Abend eines sonnigheissen Tages erwartet uns ein komplett anderes Bild als beim ersten Besuch. Die Furka präsentiert sich nicht wolkenverhangen, düster, kalt und verlassen

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keine einzige Wolke ist am Himmel zu entdecken, es ist freundlich warm, unzählige Campervans stehen auf dem Kiesplatz, wo bis Ende der 80er das Hotel Furka stand. Auf der Strasse herrscht reger Betrieb, eine Imbissbude versorgt die Gäste. ‹Global Soul› prangt gross auf einem alten VW-Bus mit holländischem Nummernschild. Da werden einige Klichées gleichzeitig bedient. Der braune Schnee hat sich fast gänzlich verzogen, saftiges Grün dominiert das Panorama, über den Hängen sind graue Schutthalden zum Vorschein gekommen.

Humor befreit

Doch mit der Sonne zieht sich auch die Wärme zurück, die Nacht durchweicht unsere Schlafsäcke und am nächsten Morgen ist der Himmel schon wieder bedeckt. Der Holländer vom Global Soul-Bus nähert sich uns, erkundigt sich nach unseren Lebensläufen und erzählt von seiner eigenen Arbeit: er ist Authentizitätsberater. Er hilft Menschen, ihre Klemmblöcke wiederzufinden, die sie im Lauf der Jahre eingemauert haben hinter Façaden, begraben unter Karrieren, um sie vorsichtig zu lösen und endgültig bergab zu werfen.

Abermals zieht Regen auf. Nichtsdestotrotz mache ich mich auf, Jenny Holzers Inschriften zu suchen. Von den Truisms konnte ich folgende entdecken:

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IDENTIFIER SES PEURS RASSURE

ANY SURPLUS IS IMMORAL

YOUR OLDEST FEARS ARE THE WORST ONES

ERFOLG FORDERT OPFER

HUMOR BEFREIT

LA DECENCE EST RELATIVE

Die Sätze stehen auf Blöcken mitten in der Landschaft. Die meisten Wanderer werden sogar den Reisetipp übersehen, der mitten auf dem Weg prangt; die restlichen Sätze sind auch mit Kenntnis vom Kunstprojekt kaum zu finden. Ausser Holzers Plattitüden sind offenbar überall in der Landschaft weitere Kunstprojekte zu finden, oft jedoch nicht offensichtlich als solche zu entlarven. Vier Betonbalken umschliessen eine Feuerstelle, ein 1,50m hohes Backsteintürmchen geniesst die Aussicht, auf der Dépendance des ehemaligen Hotel Furka sind Pfeile für die Blasrichtung des Windes aufgemalt. Unübersehbar ist hingegen der Windfang des HOTEL RESTAURANT FURKABLICK, über den der Jakob und ich uns amüsiert hatten, sowie das ganze Restaurant mit Terrasse, die von Rem Koolhaas himself entworfen wurden – 1988, noch bevor er gross geworden war.

Furk'Art Karte

Die Künstleraktivitäten sind zurückzuführen auf den damaligen Besitzer des Hotels Furkablick, den Galeristen Marc Hostettler, der zwischen 1983 und 1999 Künstler dazu einlud, Projekte rund um den Furkapass zu realisieren. Diese hatten teilweise vergänglichen Charakter – Performances oder Projektionen – andere sind noch immer in der Landschaft zu entdecken. Viele sind jedoch gar nicht erst als Kunst erkennbar (wie die Betonblöcke um die Feuerstelle), andere sind verschwunden oder fast gänzlich verwittert. Im Furkablick ist eine Karte erhältlich, die beim Auffinden der Projekte hilft. Doch kaum jemand scheint sich dafür zu interessieren. Kunst in der Landschaft statt Landschaft als  beziehungsweise in Kunst. Oder Kunst als Landschaft? Die Projekte scheinen in der Landschaft verloren gegangen zu sein, verwittert und überwachsen werden sie Teil der Natur. Wie die Archäologen des 3. Jahrtausends die Betonmüllsäcke wohl interpretieren werden?

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Pünktlich zur Mittagszeit und dem Beginn des etwas verspäteten Regen gibt’s im Furkablick Cappuccino und Kuchen. Dort grüssen die beiden Asiatinnen wieder – sie stammen aus Tibet und sind vor einigen Jahren geflüchtet, um in der Schweiz Asyl zu beantragen. Sie wohnen eigentlich im Kanton St. Gallen, arbeiten jedoch über den Sommer im Furkablick. Die Passstrasse ist ja nur von Juni bis September offen. Ihre zwei Zimmer sind die einzigen bewohnten, das Hotel hat ja offiziell zu. Nach drei Wochen Arbeit stehen ihnen einige Ruhetage zu – wovon sie jeweils einen langen halben Tag hin und retour reisen müssen. Da wunderts einem nicht, dass der Besitzer jedes Jahr Mühe hat, willige Mitarbeiter_innen zu finden. Während eine weder Deutsch noch Englisch spricht, kommuniziert die zweite in einem Kauderwelsch aus Deutsch und Englisch. Seit dem Beginn ihres Deutschkurses verwechsle sie oft Wörter der beiden Sprachen, meint sie lachend. Kundschaft gebe es genug – Autofahrer, Wanderer, Rennvelofahrer, Höhentrainierer, Bergsteiger. Und natürlich Hells Angels. Wobei im Juni schon deutlich weniger los war, müssen sie zugeben. Und im September fällt ja schon wieder der erste Schnee.