| 27. Juni 2015

Ist die Welt in Zeiten von Google Earth und Navigationsgeräten vollständig vermessen und erforscht? Nein, natürlich nicht. Aber wer die Welt als Verzauberte erleben möchte, muss heute mit anderen Augen schauen. Und manchmal anderswohin.

Alastair Bonnet möchte dabei helfen. Er sieht uns Menschen als grundsätzlich topophil, tief in uns die Liebe zu Orten verankert. Er diagnostiziert ein menschliches Bedürfnis „for geographical re-enchantment“ – wir wünschen die Faszination in unsere Umwelt zurück. Und tatsächlich: Wer lässt sich nicht irgendwie von Unfertigem, vom eigenen Garten, von Brachen oder verlassenen Gebäuden faszinieren?

Aralsee (Foto: gemeinfrei)

In „Off the Map“ (2015) legt der Autor ein Sammelsurium an verqueren Orten vor. Da erzählt er etwa von Sandy Island, der „ex-island“, der „unreal island“, die als „un-found place“ sogar auf den Satellitenbildern von Google (wieder) wegretuschiert werden musste, weil sie wider Erwarten gar nicht wirklich existiert. Da ist aber auch der Aralsee, der sehr wohl noch existiert, aber so schnell austrocknet, dass die Kartenerfassung kaum nachkommt.

North Cemetery, Manila (Foto: rappler.com)

Die unterirdischen Städte von Kappadokien rufen in Erinnerung, dass Karten nicht nur trügen können, sondern meist auch nicht unter die Erdoberfläche reichen. Von aussen verdeckt reicht die unterirdische Stadt mehrere Etagen tief ins Erdreich. Selbst an Orten, die zum Sterben bestimmt sind, können Menschen leben: Auf dem North Cemetery in Manila wohnen Menschen Seite an Seite mit Gräbern, in einer Gemeinschaft, die ihren Kindern sogar eine Schule anbietet. Und zahlreiche chinesische Geisterstädte erzählen von Orten, die zum Leben gebaut wurden, ohne dass letzteres wirklich darin eingezogen wäre:

Chico Mendes Park. Architektur im Incompiuto Siciliano Archeological Park in Giarre, Catania (Foto: Incompiuto Siciliano, CC BY-NC 2.0)

Die sehr kurzen, essayistischen Beiträge eröffnen mehr Fragen als sie beantworten. Und am überzeugendsten gelingt das dem Autor, wenn er von seinen eigenen Raumerfahrungen erzählt. So hat er das sizilianische Giarre besucht, in dem eine grosse Anzahl an halbfertigen Häusern vor sich hin rotten. Die Faszination liegt zunächst auf der Hand: Das Unfertige, welches nach Handlung schreit, kollidiert mit dem Vernachlässigten, dem Moos, das über die Sachen wächst. Doch der Urknall passiert in dem Moment, in dem sich Alastair Bonnet bei seinem Besuch zu langweilen beginnt:

While the aesthetic of ruins (…) looks beguiling as a set of black and white photographs, on the ground it soon gets wearisome. After I visited a few of the chosen remnants they all started to look the same to me and I gave up. (S. 152)

Screenshot Google-Suche nach „Urban Explorers“

Fotografie und reales Stadterleben sind komplett verschiedene Dinge. Das eine kann das andere nicht repräsentieren. Ruinen haben dabei eine universale Ästhetik, die von Urban Explorers redundant reproduziert wird. So weit kann ich folgen. Einer anderen Erfahrung gegenüber fühle ich mich hingegen wie von einem fremden Stern:

Giarre offers the extreme form of a condition found in most cities, making it a parable of urban planning. It is the epicentre not of merely an Italian but a global phenomenon of accreted unfinished visions. (S. 151)

Zürich ist keiner dieser „most cities“. Im Gegenteil, hier wird fertig gemacht, was angefangen wurde. Ich kenne keine Flecken Erde, die verlassen worden sind. Wer hier Machtanspruch hat, der hält ihn fest. Im Guten wie im Schlechten, bis dass…