| 23. Juni 2015

Ein Quartier ist innerhalb einer kleinen Stadt eines kleinen Landes die alltägliche Heimat. Wir kennen den Alkoholiker auf unserem Arbeitsweg, das Schlagloch vor dem Fussgängerstreifen, die tückischen Hinterhofausfahrten – wie wenn es unser Eigen wäre. Mit Quartieren können wir uns sogar identifizieren. Die Authentizität einer Zürcherin lässt sich daran bemessen, ob sie im Chreis Cheib aufgewachsen oder erst später hinzugezogen ist. Und ein besorgter Vater will seine schulreifen Kinder in Oberstrass in besseren Händen wissen als im (vermeintlich?) grauen Schwamendingen.

2015-06-20 14.13.22_bearb

Quartiere formen Menschen. Und wenn Quartiere eine solche Macht besitzen, sind sie natürlich auch Dinge, die vermessen werden. Ja, Quartiere haben Grenzen. Diese sind sichtbar an dezent in den Boden gelassenen Vermessungspunkten. Naja, manchmal ist der sauberen Linienführung auch ein Haus dazwischengekommen, sodass die Punkte in Säulen und Ecken eingelassen sind.

Wie fühlen sich nun aber solche Quartiergrenzen an? Wie ist das so, eine Umrandung etwa von Albisrieden zu Fuss? Die Gelegenheit bot Marie-Anne Lerjen (lerjentours) auf Einladung von hochneun am 20. Juni 2015. Der Grenzgang führte uns mitten durch den Verkehr, über Wiesen, einmal schnitt uns das Schwimmbad von Max Frisch den Weg ab. Doch die meiste Zeit führte uns der Weg von einer Quartierstrasse in die nächste. Links und rechts reihen sich dieselben Häuser. Und selbst wenn ich entdecke, dass eine Kollegin unvermutet in Altstetten wohnt und nicht, wie angenommen, in Albisrieden, macht das eigentlich gar keinen Unterschied.

Irgendwann fällt auf: Wir machen gerade etwas völlig Absurdes.

Die Grenzlinien, welche auf dem Papier existieren, spielen im Stadtraum kaum eine Rolle. Wir aktivieren die Linie durch unser Gehen ironisch lächelnd selbst. Zuletzt durchwandern wir eine Wohnstrasse auf der Grenze zwischen Albisrieden und Altstetten, in der (unwissend) Kinder beider Seiten miteinander spielen.

Grenze ist nicht gleich Grenze und „meines“ ist nicht gleich „meines“. Ein Quartier ist „meines“, weil ich es gut kenne. Ich kenne die Leute (vielleicht sogar nur vom Sehen), ich kenne meinen Laden (der vermutlich nicht im Reiseführer steht). Ich kenne Dinge, die ich nur mit den Leuten teile, die mit mir hier wohnen. Weil sie für alle anderen kaum relevant sind. Und wenn mein Lieblings-Kebab hinter der Quartiersgrenze holen muss, betrete ich deswegen kein Neuland. In gewissem Mass bestimme ich selbst, was „mein“ Quartier ist, indem ich mich an „meinen“ Orten orientiere.

Fotos: Antonia Steger

Etwas gänzlich anderes ist es, sich mit einem Land zu identifizieren. Wenn ich sage, dass DIE Schweiz (sic) meine Heimat sei, dann reduziere ich eine dichte Komplexität auf eine Utopie. Ich spreche von etwas, das ich nie konkret erfahren werde. DIE Schweiz ist viel mehr als ich je mit meinen Augen sehe und mit meinen Füssen betrete. Und doch weiss ich, dass etwa das Schweizer Recht Macht über mich ausübt, dass ich eine Sprache mit fremden Menschen teile und dass mein Handeln von Schweizer Normen bestimmt wird – bis hin zur Unsicherheit, ob ich bei Begrüssungen ein oder drei Küsschen oder gar einen Handschlag gebe. Um aber mit dieser Abstraktion klarzukommen, ziehe ich bei „meinem“ Land eine Grenzlinie. Gerade weil ich zu Fuss kaum je in ihre Nähe kommen werde. Gerade weil ich „mein“ Land nicht auf dieselbe Art kenne(n kann) wie „mein“ Quartier.