| 25. Oktober 2015

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Die weite kroatische Hochebene liegt ruhig da. Felder ziehen vorbei, Waldflecken, ab und zu ein Weiler. Die Septembersonne taucht die unverputzten Fassaden in warmes Licht. Es scheint, als hätte einer ein Haus gebaut und alle anderen es kopiert. Ruhig ist es. Von der angekündigten Flüchtlingskrise, ja Katastrophe, ist wenig zu merken. Dabei sollen wir doch fotografieren, schreiben, rapportieren. Menschen sind wenige zu sehen, auch auf der Autobahn hats kaum Verkehr. Doch dann tauchen die Lastwagen auf. Schon Kilometer vor der Grenze beginnt die Kolonne. Serbien lässt keinen einzigen hinein. Endet hier also Europa? Auf der Landstrasse fallen nur die unauffällig langsamen PKWs mit den in unauffällig schwarzen T-Shirts gebrüsteten Fahrern auf. Einzelne Streifenwagen patrouillieren. Doch kaum fahren wir auf einem Feldweg in Richtung Grenze, werden wir schon nach wenigen Minuten von einem Kastenwagen mit Blaulicht eingeholt. Sichtlich erleichtert, dass wir keine Schlepper sind, weisen sie uns freundlich den Weg zum Durchgangslager Opatovac.

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Als wir uns dem Dorf Opatovac nähern, tauchen die ersten Reisebusse auf. Einer nach dem andern. Alle Plätze besetzt. Sie bringen die Flüchtlinge vom Durchgangslager ‘Opatovac’ etwas ausserhalb des Dorfes zum Bahnhof in Tovarnik, von wo sie mit dem Zug an die ungarische Grenze transportiert werden. Endlich weiter! Die Erleichterung ist den Menschen anzusehen. Die Erschöpfung auch. ‘Amal erzählt, er habe drei Tage im Lager ausharren müssen ohne ordentliche Versorgung, ohne Toiletten, ohne Platz im Zelt. Der kroatische Innenminister hat neuerdings versprochen, die Flüchtlinge maximal 24 Stunden festzuhalten. Die Logistik scheint inzwischen tatsächlich schon besser zu funktionieren. Statt durch die Fenster in den Zug zu klettern, werden die Flüchtenden nun geordnet Wagen für Wagen verladen. Durch einen Spalier von aggressiv wirkenden Polizisten in voller Kampfmontur werden sie relativ freundlich vom Bus zum Zug geschleust.

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Beim Einlass zum Lager sieht die Situation anders aus. Die Organisation ist überfordert mit den 8’700 Flüchtlingen, die alleine am 22. September 2015 über die geschlossene serbische Grenze gestolpert sind. Einen Fussmarsch von 17 Kilometern haben sie gerade hinter sich — sie lassen sich vor dem Camp ins kaltnasse Gras fallen, werden von Freiwilligen mit Decken versorgt, erhalten mit etwas Glück eine Banane. Viele müssen die Nacht draussen vor dem Camp verbringen — die grosse Zahl der Neuankömmlinge ist kaum zu bewältigen.

Vor zwölf Tagen sei Ahmed von Homs in Syrien aufgebrochen — wie genau er hierher gelangt ist, will er nicht verraten. Er reist mit seiner Frau, seiner Tochter, deren jungem Ehemann und zwei kleinen Kindern. Wir nehmen sie ein Stück im Auto mit, damit sie nicht die ganzen 17 Kilometer von der serbischen Grenze zum Durchgangslager laufen müssen. Alle sind sie erschöpft. Ja, auch Kinder können Augenringe haben. Nichtsdestotrotz pulsieren sie förmlich vor Energie — die Zukunft erwartet sie, Europa ruft, ein neues Leben beginnt, schlechter kann es ja nicht mehr werden. Trotz der Strapazen, die sie hinter sich haben, können sie sich nicht auf den Sitzen halten und stehen hinter der Vorderbank, überhäufen uns mit arabischen und englischen Worten, Sätzen, Bruchstücken ihrer Geschichten, freuen sich riesig über unsere mickrigen Arabischkenntnisse.

Im Nachbardorf ist von der Flüchtlingskrise wiederum nichts zu bemerken. Der Alltag geht ungestört weiter. Nur das erhöhte Verkehrsaufkommen — die Streifenwagen, Reisebusse, die Pressefahrzeuge mit den Satellitenschüsseln — erinnert zwischendurch daran. Der ‚humanitäre Korridor‘ zieht sich als kaum sichtbarer Faden von Syrien durch die Türkei, über das Mittelmeer und durch Griechenland, Mazedonien oder Bulgarien, Serbien, Kroatien, Slowenien oder Ungarn und Österreich nach Deutschland.

An einzelnen Stellen wird die menschliche Katastrophe sichtbar, an einzelnen Knotenpunkten ballen sich die Versorgungsprobleme. Sie bestimmen durch die mediale Vermittlung unser Bild der ‚Flutkatastrophe‘, des ‚Flüchtlingstsunamis‘. Weder unser Alltag noch jener der Kroaten wird dadurch berührt. Nein, nicht für uns ist es eine Katastrophe — für die Flüchtenden ist es eine. Sie sind es, die das Leid ertragen müssen, die in durchnässten Kleidern in der einbrechenden Herbstkälte ausharren, sich kilometerweit zu Fuss über grüne Grenzen schleppen und die Schikanen verschiedenster Beamter und Polizisten, Schlepper und Mitflüchtenden ertragen. Eine Katastrophe wird für uns erst daraus, wenn wir die Fortschritte der letzten Jahrzehnte in der europäischen Zusammenarbeit und der Durchlässigkeit der Grenzen rückbauen, Zäune hochziehen und internationale Verkehrsverbindungen unterbrechen.

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Bis Ende September war der Flüchtlingstransit in Kroatien relativ gut organisiert, die Abläufe hatten sich eingespielt, die Handgriffe sassen. Doch die Situation ändert sich laufend. Einige Tage später war im Lager Opatovac nichts mehr los, wie der obigen Karte zu entnehmen war. Inzwischen hat Ungarn den Zaunbau abgeschlossen und auch die Grenze zu Kroatien abgeriegelt — die grüne Grenze ist verriegelt. Mit Erfolg: Kroatien schleust die Flüchtenden nun nach Slowenien statt nach Ungarn. Doch dort können laut offiziellen Angaben nur 2’500 Flüchtlinge pro Tag registriert und nach Österreich transportiert werden. Täglich treffen jedoch einige tausend mehr an der kroatisch-slowenischen Grenze ein — allein letzten Freitag circa 13’000. Obwohl die Balkanroute nach Deutschland grundsätzlich noch offen ist, beginnt sich der befürchtete Stau bemerkbar zu machen: Die verschiedenen Durchgangslager auf der Route sind überfüllt, so auch Opatovac, weil der Weitertransport länger dauert oder absichtlich verzögert wird. Es mangelt an Zelten, an Decken, an Toiletten, an Lebensmitteln, an Regenkleidung.

Die Strategie des ‚humanitären Korridors‘ beziehungsweise des Durchwinkens — „gut, wir lassen Flüchtlinge hinein und organisieren den Weitertransport, wenn wir sie nur loswerden“ — hat eine Weile funktioniert, stösst nun aber an seine Grenzen. Die Folgen lassen sich sehr gut an der obigen Karte, welche der Organisation der selbständigen freiwilligen Helfer dient, und den Berichten auf dem ‘Liveticker Balkanroute’, ebenfalls zur Koordination von Helfern und Hilfsgütern, ablesen: Die Situation wird immer chaotischer und für die Flüchtenden unerträglicher. Es ist kaum vorstellbar, was passieren wird, wenn die momentanen Nullgradtemperaturen weiter sinken. Hoffentlich ist Ahmed mit seiner Familie schon in Deutschland angekommen.