| 3. April 2016

Jan_Steen_009

„Der Papageienkäfig“ von Jan Steen (etwa 1665)

Viele Dinge, mit denen wir uns in unserer Wohnung umgeben, sind sorgfältig ausgewählt. Wir möchten genau diese Gegenstände genau da haben, wo sie sind, um an ihnen genau diese oder jene Handlung zu vollführen. Das Öffnen des alten Kleiderschranks, der Blick auf das Hochzeitsbild beim Verlassen der Wohnung oder das Auflegen einer Platte auf den Plattenspieler mit einer sorgfältigen und zärtlichen Bewegung; das sind Möglichkeiten unseres Alltagshandelns, die wir in unserer Wohnung für uns selbst eingerichtet haben.

Wir fühlen uns diesen Gegenständen aber nicht nur verbunden, weil ihre schiere Präsenz und ihre Funktionalität zu unserem tagtäglichen Handeln gehört; nicht nur, weil sie in unseren Augen schön sind; sondern auch, weil ihnen etwas anhaftet: Erinnerungen an Menschen, an Orte, ab bestimmte Zeiten. Wir möchten sie nicht missen, weil in ihnen Vergangenes weiterlebt.

Zu unserem Bewohnen, zum Sich-Zu-Eigen-Machen eines Wohnraums, gehört zuweilen auch das Halten eines Haustieres. Sei es ein Hamster oder ein Vogel, ein Hund oder eine Katze, wir holen ein Tier in unsere Wohnung, das seinerseits – auf unser Gutheißen – den Raum bewohnt. Wir teilen ihm einen Ort zu, einen Käfig, ein Körbchen: Hier, das ist deins. Wir holen uns ein Wesen in unsere Wohnung, das uns das Bewohnen vorlebt. Es nistet sich ein, es schläft, frisst, vermehrt sich, lebt und stirbt in unseren vier Wänden. Wir fühlen uns im vom Tier markierten Zuhause wohl, weil wir uns in die wohlige Ausstrahlung des tierischen Wohnens zurückziehen können. Wir beobachten den müden Hund beim Einschlafen und werden selbst bettschwer. Wir pfeifen beim Nachhausekommen und freuen uns, dass das Pfeifen aus dem Vogelkäfig erwidert wird. Die Anwesenheit des Tieres gehört zu unserem Wohnraum.

Beim Halten unseres Haustiers wie auch beim Bedienen des alten Plattenspielers geht es um die Präsenz eines Wesens. Beim Plattenspieler ist es vielleicht eine Aura der väterlichen Jugend, der man durch den vererbten Plattenspieler nahe sein kann und will, beim Haustier um die reale und behagliche Präsenz eines Bewohners, dem wir einen Platz in unserer Wohnung abtreten, den nur das Haustier füllen kann.

Der Verlust der Präsenz schmerzt. Der kaputte Plattenspieler durchbricht nicht nur eine abendliche Routine, sondern auch das wohlige Gefühl einer distanzierten Nähe zur eigenen Vergangenheit. Der Verlust eines Haustieres – vorhersehbar, aber verdrängt – beraubt uns der Gewissheit, dass dies unser Zuhause ist: Wir müssen nun das Bewohnen selbst leisten, das uns unsere Tiere abnehmen.